Aue-Geest-Gymnasium Harsefeld
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Auf Abwe­gen: Unter­pri­ma im “Blau­en Engel”

Von Died­rich Hin­richs
 
Was der tyran­ni­sche Gym­na­si­al­pro­fes­sor Imma­nu­el Rath noch mit aller Macht zu ver­hin­dern such­te, um sei­ne auf sitt­li­che Abwe­ge gera­te­nen Schü­ler vor gänz­li­cher mora­li­scher Ver­derb­nis zu bewah­ren, gewähr­ten dage­gen die Deutsch­lehr­kräf­te der Jahr­gangs­stu­fe 11 den ihnen anver­trau­ten Schutz­be­foh­le­nen aus­drück­lich: Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag (16.02.2011) tauch­ten unse­re Päd­ago­gen vor­sätz­lich mit ihren jewei­li­gen Ober­stu­fen­kur­sen ein in die zwie­lich­ti­ge Halb­welt eines übel beleu­mun­de­ten Amü­sie­r­e­ta­blis­se­ments und beglei­te­ten die Schü­le­rin­nen und Schü­ler bei deren Besuch im „Blau­en Engel“.  

Das auf den ers­ten Blick „höchst skan­da­lös“ erschei­nen­de Ansin­nen von OStR´ Mar­gret Alt­haus, OStR´ Kati Ben­te und OStR Died­rich Hin­richs, die gesam­te Jahr­gangs­stu­fe 11 unse­res Gym­na­si­ums zu einem Besuch im „Blau­en Engel“ zu ermun­tern, ver­folg­te genau­er betrach­tet dann doch erkenn­bar heh­re Bil­dungs­ab­sich­ten. Denn vor­ran­gig galt die­ser selbst­ver­ständ­lich dem Zweck, dass ihre Schü­le­rin­nen und Schü­ler auch außer­un­ter­richt­lich detail­lier­te Cha­rak­ter- und Milieu­stu­di­en anzu­stel­len ver­mö­gen, und zwar in die­sem recht spe­zi­el­len Fal­le im Thea­ter. Und statt der höl­zer­nen Stüh­le in einem ver­ruch­ten Hafen-Varie­té, in dem mehr oder weni­ger talen­tier­te Zau­be­rer und frei­zü­gi­ge Chan­teu­sen ihre Klein­kunst dar­bie­ten, waren für das „Gast­spiel“ der Har­s­e­fel­der Gym­na­si­as­ten die bequem gepols­ter­ten Plät­ze in den gut besetz­ten Publi­kums­rän­gen der Aula der Bux­te­hu­der Hale­pa­ghen­schu­le vor­ge­se­hen.

Dort gelang­te näm­lich eine Büh­nen­fas­sung von Hein­rich Manns „Pro­fes­sor Unrat“ (erst­mals erschie­nen im Jah­re 1905) zur Auf­füh­rung, die in ihrer Bear­bei­tung von Peter Tur­ri­ni sowohl den Roman als auch den unter dem Titel „Der blaue Engel“ von Josef von Stern­berg in den 1930er Jah­ren gedreh­ten Film zur Vor­la­ge hat. Prot­ago­nist der bis zu sei­ner Hoch­zeit mit der jun­gen Sän­ge­rin Rosa Fröh­lich (Künst­ler­na­me Lola Lola) dem Film weit­ge­hend fol­gen­den Büh­nen­hand­lung ist der von sei­nen Schü­lern gleich­wohl gefürch­te­te wie ver­spot­te­te Pro­fes­sor Imma­nu­el Rath, ein wah­rer „Gym­na­si­as­ten­schreck“ oder — wie es Hein­rich Mann sel­ber aus­drück­te — ein „lächer­li­ches Scheu­sal“. Er schwebt qua­si als per­so­ni­fi­zier­tes Schick­sal über den Köp­fen gan­zer Schü­ler­ge­nera­tio­nen sei­ner Klein­stadt, wit­tert aller­or­ten Rebel­li­on und Wider­stand, den es zu bre­chen gilt, und trach­tet aus­schließ­lich danach, sei­nen Schü­lern „auf die ein oder ande­re Art im Leben hin­der­lich zu sein“.

Einen Ansatz­punkt dafür bie­ten ihm dann auch die bei­den Schü­ler von Ert­z­um und Loh­mann, die sich näch­tens in einem in der Klein­stadt ein­schlä­gig bekann­ten Ver­gnü­gungs­lo­kal auf­hal­ten und ande­ren­tags unvor­sich­ti­ger­wei­se Bil­der der dort auf­tre­ten­den Sän­ge­rin Lola in der Schu­le mit sich füh­ren. Um der Künst­le­rin dar­auf­hin ins Gewis­sen zu reden, begibt sich der pedan­ti­sche und para­no­ide Päd­ago­ge auf die Suche nach die­sem Ort aller Las­ter­haf­tig­keit und Ver­wor­fen­heit und begeg­net in der Hafen­spe­lun­ke „Zum Blau­en Engel“, einer ihm sel­ber völ­lig wesens­frem­den Welt der Ver­hei­ßung und des Genus­ses, auch sei­nen bei­den Schü­lern.

In dem sich nach­fol­gend ent­wi­ckeln­den Macht­kampf um die Allein­herr­schaft in der Künst­ler­gar­de­ro­be scheint der Pro­fes­sor zunächst zu obsie­gen: Er ver­liebt sich in die Sän­ge­rin und krem­pelt auf radi­ka­le Wei­se sein bis­her so bie­de­res Leben um. Aber nach sei­ner Hei­rat mit ihr schwin­det sein gesam­tes Ver­mö­gen eben­so schnell wie die Lie­be Lolas zu ihm. Die­ser Umstand zwingt ihn dann eines Tages — mitt­ler­wei­le auch den brot­lo­sen Küns­ten nach­ge­hend und zum „dum­men August“ in der Tin­gel­tan­gel-Trup­pe um Lola avan­ciert — in sei­ner alten Hei­mat­stadt auf­zu­tre­ten. Mit dem erneu­ten Auf­ein­an­der­tref­fen zwi­schen ihm und sei­nem ehe­ma­li­gen Schü­ler Loh­mann endet die Geschich­te dort, wo sie für Imma­nu­el Rath begann: im „Blau­en Engel“. Und mit sei­nem gewalt­tä­ti­gen Aus­bruch zeigt sie die Figur am Schluss des Büh­nen­stü­ckes jäm­mer­lich und auf eine fast mit­leid­erre­gen­de Art und Wei­se tra­gisch geschei­tert.

Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler fühl­ten sich — so ihre geäu­ßer­ten Ein­drü­cke — durch­wegs recht gut unter­hal­ten, mel­de­ten aber auf­grund ihrer Roman­lek­tü­re von Hein­rich Manns „Pro­fes­sor Unrat“ im Unter­richt schon ein­mal wei­te­ren Gesprächs­be­darf an (Les­art als „Gesell­schafts­ro­man“ oder „Schul­sa­ti­re“). Auch blie­ben ihnen klei­ne­re Schwä­chen der Insze­nie­rung und Unstim­mig­kei­ten nicht ver­bor­gen: Zwar sei der Nie­der­gang des Pro­fes­sors, sein gesell­schaft­li­cher Absturz, gut erkenn­bar gewe­sen und schau­spie­le­risch ein­dring­lich „gespielt“ wor­den, die Rol­le der „feschen Lola“ dage­gen hät­te man sich aber domi­nan­ter und noch kraft­vol­ler gewünscht. Der „blaue Engel“ geriet zumin­dest für eini­ge unse­rer jun­gen Thea­ter­be­su­cher — wohl ein Indiz für ihre his­to­ri­sche Distanz zum Text, viel­leicht sogar auch sei­ner sitt­li­chen Unbe­denk­lich­keit für die heu­ti­ge Schü­ler­ge­nera­ti­on — zu einem alles in allem recht „bra­ven Engel“.